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Junge Perspektive
Wie blickt die nächste Generation in die Zukunft? Welche Aussichten hat sie überhaupt noch? Sind sie in sozialen Medien gefangen? Jugendforscherin Natalia Wächter plädiert für mehr Augenmerk auf Abgehängte.
Krieg und Terrorismus, der Klimawandel, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie sind die größten Sorgen der Jugendlichen. „Ihre Verunsicherung ist gewachsen, über die Hälfte plagen gleich mehrere Ängste“, fasst Natalia Wächter die Ergebnisse der aktuellsten Studien zusammen. „Die Furcht vor Rassismus ist größer als die vor Zuwanderung“, ergänzt die Sozialpädagogin. Neu ist, dass jetzt auch in Österreich und Deutschland den Teens und Twens soziale Nöte zu schaffen machen. Über fünfzig Prozent nennen leistbares Wohnen als eine solche. Keinen passenden Arbeitsplatz zu finden sowie dass die Familie zerbricht oder verarmt, sind weitere.
Schere geht auf
Diese Themen betreffen vor allem Jugendliche aus Syrien, der Türkei sowie Bosnien und Herzegowina. „Da zeigen sich ganz klare Unterschiede in den sozialen Schichten“, weiß Wächter. Die Frage, ob Benachteiligte ausreichend unterstützt werden, beantworten die Betroffenen eher mit nein, Bessergestellte tendenziell mit ja. Wie rosig junge Menschen Gegenwart und Zukunft sehen, hängt vom familiären Hintergrund ab. „Wer den richtigen finanziellen Background hat, gibt in den Studien weniger Sorgen an und ist optimistischer, seine oder ihre Ziele zu erreichen“, fasst die Forscherin zusammen. Trotz der zunehmenden Bedrohungen herrscht Zuversicht vor. „Die nächste Generation sieht zwar die Probleme, ist aber zum überwiegenden Teil guter Dinge, ihnen ausweichen zu können. Vielleicht ist diese Unbekümmertheit jugendspezifisch“, mutmaßt Wächter.
Auf die verhältnismäßig wenigen Pessimist:innen müsse man allerdings besonderes Augenmerk legen. Ein Viertel gibt an, nicht die gleichen Chancen wie andere zu haben, und zehn Prozent glauben, ihre Ziele gar nicht erreichen zu können. „Dieser Teil fühlt sich abgehängt“, mahnt die Pädagogin. Das seien unter Umständen genau jene Jugendlichen, die sich in Social Media flüchten, zu Essstörungen und Sucht neigen oder für Extremismus empfänglich werden.
Eine gefährliche Entwicklung, ist die Forscherin überzeugt. „Zu viel Bildschirmzeit und belastendes Material, das man ungewollt zugespielt bekommt, stressen. Hinzu kommt die Macht der Algorithmen, die verstärkt ideologisch besetzte Inhalte ausspielen und subjektive Eindrücke bestätigen. Andere Ansichten werden dann nicht mehr wahrgenommen.“ Auch Cybermobbing sei ein wachsendes Thema. Dennoch hält Wächter nichts von einem Bann von Instagram, Snapchat oder TikTok. „Es ist vielfach erwiesen, dass Restriktionen keineswegs helfen, Risiken zu minimieren oder die Kompetenz zu erhöhen. Ganz abgesehen davon, dass es ausreichend Wege gibt, sich darüber hinwegzusetzen. In China nutzen trotz Verbot auch alle Facebook.“
Stattdessen fordert die Expertin mehr Trainings für einen entwicklungsfördernden Umgang mit digitalen Medien und Technologien, und zwar ab der Volksschule. Das sollten am besten speziell ausgebildete Profis übernehmen, die am Puls der Zeit sind. Eltern und Lehrpersonen fehle häufig selbst das Know-how, da sie mit dem raschen Wandel nicht Schritt halten können. Workshops mit externen Fachleuten würden von Jugendlichen gut angenommen. Diese müssten allerdings entsprechend vor- und nachbereitet werden. Darüber hinaus sollte es in allen Gegenständen mehr Austausch über die digitalen Lebenswelten der Kinder geben: „Sie müssen ihre Nachrichtenquellen kennen und wissen, welche Unterschiede es macht, ob man Informationen auf Insta erhält oder auf einem seriösen Portal“, führt Wächter aus. Viele könnten mit den Medien aber bereits gut umgehen und versuchten auch gezielt, die Algorithmen auszutricksen, indem sie zum Beispiel für sie irrelevante Suchbegriffe eingeben. „Ihnen ist also sehr wohl bewusst, dass sie auf bestimmten Kanälen einseitig informiert werden.“
Engagiert und ignoriert
Die ältere Generation sagt dem Nachwuchs oft politische Teilnahmslosigkeit nach. Studien bestätigen jedoch das Gegenteil. Die jungen Menschen sind so stark interessiert wie seit den 1980er-Jahren nicht mehr. Mädchen haben mittlerweile mit den Buben gleichgezogen, auch niedrigere Bildungsschichten haben aufgeholt. „Die Politik ist ein größeres Thema geworden. Das hängt mit der Fridays-for-Future-Bewegung zusammen“, analysiert die Sozialpädagogin. Sie habe die Bereitschaft zum Engagement wieder geweckt, weil sie eines ihrer Anliegen anspricht. „Bildung, Soziales und Umwelt sind der Jugend wichtig. Politiker:innen vertreten in ihren Augen vor allem Wirtschaftsthemen. Daher fühlen sie sich nicht repräsentiert“, schildert Wächter. Entsprechend gering ist auch das Vertrauen in die Parteien, die sich wiederum zu wenig um die für sie eher unbedeutende Zielgruppe der 16- bis 25-Jährigen kümmern.
Auch wenn die Funktionär:innen sie links liegen lassen, glaubt die Generation Z an die Demokratie und ihre Institutionen. Sie beteiligen sich an Urnengängen, wenn auch in geringerem Maße als Ältere. „Mit dem Wahlrecht ab 16 nimmt Österreich international eine Vorreiterposition ein, das ist gut“, urteilt Wächter. „In die Mitbestimmung müssen die Jungen klarerweise erst hineinwachsen. Denn in der Schule erfahren sie zu wenig davon.“
Ernst genommen in ihren Wünschen und Bedürfnissen wird der Nachwuchs hingegen von den Eltern. Der Generationenkonflikt ist passé, divergierende Interessen handelt man aus. Dementsprechend sind die Kinder auch mit dem Erziehungsstil zufrieden und würden ihn später selber anwenden. Und die „Generation Boomerang“ kehrt nach dem Verlassen bei Bedarf wieder ins Nest zurück. Zerbricht eine Beziehung oder verliert man den Job, ziehen viele wieder ins Kinderzimmer ein. „Dieser sichere Hafen gibt natürlich auch Zuversicht“, folgert Wächter.
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