Beginn des Seitenbereichs: Inhalt:
Schnell mal einen Kebab holen, doch lieber Pizza bestellen, oder reicht ein Sackerl Chips? Dank moderner Lebensmittelindustrie und internationalem Handel haben wir ständig Essbares zur Verfügung. Dies begünstigt gesundheitliche Probleme wie Übergewicht oder Diabetes. Im Internet suchen viele nach Gegenmaßnahmen und stoßen auf das Wort „Fasten“. Oft wird der Begriff mit Gewichts- und Kalorienreduktion gleichgesetzt. Dabei lassen sich die Ursprünge des Nahrungsverzichts weder biologisch noch religiös auf Abnehmen oder Schönheitsideale zurückführen, erklären die Theologin Theresia Heimerl und der Molekularbiologe Tobias Eisenberg.
„Religiöses Fasten soll den Körper in einen besonderen Zustand versetzen, um so den Zugang zur Transzendenz zu erleichtern“, erklärt Heimerl. „Es bereitet Menschen auf eine intensive Kommunikation mit Gott vor und ist daher eine Art spiritueller Boost.“ Während andere Religionen auch halluzinogene Mittel zu diesem Zweck einsetzen, lehnen Christentum, Judentum und Islam das ab und setzen auf Körperpraktiken. Dabei gehe es nicht nur um das zeitlich begrenzte Auskommen ohne Nahrung. „Auch der Verzicht auf Schlaf war in der Vergangenheit ein gängiges Modell“, berichtet die Forscherin. Heute existieren zudem moderne Versionen wie Auto-Fasten oder Digital Detox. Heimerl versteht den Begriff aber nur in Verbindung mit Genussmitteln.
Zell-Recycling
Der Biochemiker und Molekularbiologe Eisenberg untersucht, wie sich kurzer Nahrungsentzug – ein durchaus üblicher Zustand unserer Vorfahren – auf den Organismus auswirkt. Richtiges Fasten fördert das Gleichgewicht unseres Stoffwechsels, die sogenannte Homöostase, und setzt den Prozess der Autophagie in Gang, ein zelluläres Recyclingprogramm. Eisenberg erklärt: „Defekte Bestandteile werden abgebaut. Deren Überreste dienen als Bausteine neuer funktioneller Komponenten. Das fördert die Reparatur von Zellen.“ Parallel dazu entstehen als Nebenprodukt der Fettverbrennung sogenannte Ketokörper. Sie ersetzen den Zucker als Energielieferant und fördern ihrerseits wieder die Autophagie. Diesen Effekt hat Eisenberg an sich selbst ausprobiert: „Was mich bei meiner mehrtägigen Fastenkur fasziniert hat, war das Schwinden des Hungergefühls. Nach zwei bis drei Tagen kam ein Energieschub, der sich wie ein lockerer Dauerlauf anfühlte.“
Durch den Verzicht versetzt man den Organismus in eine Ausnahmesituation. „Wir untersuchen nicht nur, wie sich durch Fasten der Energiestoffwechsel umstellt, sondern auch ob und wie es die Zellalterung verzögert“, sagt Eisenberg. „Studien an Modellorganismen wie Fliegen, Fadenwürmern oder Mäusen zeigen: Das kann funktionieren.“ Im vom ➡ Wissenschaftsfonds FWF geförderten Cluster of Excellence ➡ MetAGE untersucht der Forscher mit Kolleg:innen von den Medizinischen Universitäten Graz und Wien diese Prozesse. Und welche ist jetzt die beste Fastenmethode? Das kann auch der Molekularbiologe nicht beantworten. „Hier gibt es zu wenig gute Vergleichsstudien mit Menschen.“
Verzicht-Saison
Die Frage nach der richtigen Jahreszeit bleibt ebenfalls offen. In der abendländischen Tradition verzichten viele im Frühling auf gewisse Genussmittel. „Das geht auf Ostern und die 40 Tage zurück, die Jesus in der Wüste verbrachte“, erklärt Heimerl. Auch der Advent war früher eine Periode der Enthaltsamkeit. „Das ist heute vergessen“, sagt die Religionswissenschaftlerin. Der Ramadan fällt nicht immer in das Frühjahr, sondern folgt einem Mondkalender. Muslim:innen essen tagsüber nichts. Im Christentum werden traditionell Fleisch und Milchprodukte weggelassen. Heimerl betont: „Religiöse Enthaltsamkeit bedeutet bewussten Verzicht, nicht ungesundes Hungern. Es geht nie darum, weniger zu essen.“ Denn auch Sich-zu-Tode-Fasten gilt als Selbstmord und ist eine Sünde im Christentum. „Manche Bewegungen propagieren gefährliche Praktiken, wie die sogenannte Lichtnahrung. Das hat nichts mit echter Spiritualität zu tun“, betont die Theologin.
Risiken
Auch Eisenberg unterstreicht: „Ohne Kalorienzufuhr stirbt ein Mensch irgendwann. Unser Organismus ist nicht in der Lage, Energie aus Licht zu gewinnen, wir machen keine Fotosynthese.“ Der Molekularbiologe warnt ebenfalls vor extremen Varianten des Fastens. „Neben den möglichen Vorteilen gibt es auch Risiken wie Fehl- oder Unterernährung.“ Eine dauerhafte Reduktion der Kalorienaufnahme von mehr als 30 Prozent kann schädlich sein. Kinder, Jugendliche, Schwangere und Stillende sowie ältere und kranke Menschen sollten nicht oder nur mit ärztlicher Begleitung fasten.
„Das Wichtigste ist, auf den eigenen Körper zu hören“, rät Eisenberg. „Was einer Person gesundheitlich guttut, kann für einen anderen Menschen schädlich sein.“ Beim Fasten gehe es um eine bestimmte Erfahrung, ergänzt die Religionswissenschafterin Heimerl. „Es ist eine Jahrtausende alte Tradition und öffnet das Bewusstsein für den Kontakt mit Gott.“ Es sollte stets ein positives Erlebnis sein – für Seele und Körper.
Ende dieses Seitenbereichs. Zur Übersicht der Seitenbereiche