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Auf den ersten Blick mutet ihre revolutionäre Bedeutung in keiner Weise an: eine Kiste, kaum größer als ein Puppenhaus, gebaut aus Holz, mit einem Giebeldach aus Glas. Mit Griffen versehen, seinem Alter entsprechend abgenutzt, aber gut erhalten. „Eigentlich ist er nichts anderes als ein tragbares Treibhaus für Pflanzen. So wie wir es auch heute noch nutzen, um im Frühjahr Samen zum Keimen zu bringen“, weiß die Botanikerin Ursula Brosch.
Der britische Arzt und Naturforscher ➡ Nathaniel Bagshaw Ward beobachtete um 1830, dass Pflanzen in einem hermetisch abgeschlossenen Glasgefäß hervorragend gedeihen können. Er stellte fest, dass in einem mit Erde gefüllten, dichten Behälter die Verdunstungsfeuchtigkeit kondensiert und zurück auf die Erde tropft – so entsteht ein Wasserkreislauf, der die Gewächse über viele Monate am Leben hält. Ein einfaches Prinzip, ideal, um exotische Arten in Zeiten der Kolonialisierung zwischen den Kontinenten hin und her zu schiffen. Der „Wardsche Kasten“ war geboren.
Exotisches Exponat
Nur wenige Exemplare haben bis ins 21. Jahrhundert überlebt. Eines davon steht im Botanischen Garten der Universität Graz. „Im Jahr 1985, als man den Dachboden eines Gebäudes aufräumte, fand man zahlreiche historische Apparaturen, darunter auch einen grauen Holzkasten mit Glasdach“, erzählt Brosch. „Er wanderte auf mysteriöse Weise in den Kohlenkeller des Historischen Gewächshauses. Dort wurde er Anfang der 2000er-Jahre wiederentdeckt.“
➡ Gottlieb Haberlandt, der ab 1888 den Botanischen Garten der Uni Graz leitete, nutzte die Konstruktion, um exotische Pflanzen von seinem Forschungsaufenthalt auf der indonesischen Insel Java mit in die Steiermark zu bringen. So steht es in großen schwarzen Buchstaben auf den Seitenteilen. „Ob das der einzige Kasten war, welche Arten er mitbrachte, ob die Pflanzen die Reise überlebten, ist leider nicht überliefert.“ Durch eine Inschrift nachvollziehbar ist lediglich, dass die Rückreise im Feber 1892 auf Java begann und im April desselben Jahres in Graz endete.
Zum Fünf-Uhr-Tee
Das 18. und 19. Jahrhundert war das Zeitalter Forschungsreisen und Expeditionen. Die Faszination des Fremden, die Neugierde der Wissenschaft und der Kolonialismus europäischer Großmächte trugen maßgeblich dazu bei, dass der Handel mit pflanzlichen Exoten florierte. Und der Wardsche Kasten leistete dabei Pionierarbeit. Tee aus China oder Kautschukbäume aus Brasilien übertraten in den Gefäßen interkontinentale Grenzen und wurden in Regionen heimisch, wo sie heute noch erfolgreich kultiviert werden. In Indien setzte man zum Teil auf geschmuggelte Samen und Pflanzen, um den wachsenden Tee-Bedarf im Mutterland Großbritannien zu stillen. Mit teils gravierenden Folgen: „Durch die wirtschaftlichen Interessen der Kolonialherren und den regen Transport der Pflanzen wurde leider auch viel zerstört“, berichtet Brosch. „Die Nachfrage nach tropischen Orchideen etwa war so groß, dass gewisse Arten beispielsweise in Kolumbien fast ausgerottet wurden.“
Zumindest in der Wissenschaft haben nicht nur die einst revolutionären Kisten, sondern auch die ausbeuterischen Praktiken glücklicherweise ausgedient. Pflanzen werden heute in Kunststoffbeuteln in Flugzeugen oder in klimatisierten Containern transportiert und sind viel kürzer unterwegs als anno dazumal. Die einst revolutionäre Kiste kann man als kuriose Dekoration im Botanischen Garten bestaunen.
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