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Am Umweg zum Ziel
Der Versuch klappt nicht wie geplant. Der monatelang vorbereitete Projektantrag wird abgelehnt. Und im Hörsaal war die Stimmung auch schon mal besser. Wie man als Wissenschaftlerin trotzdem die Zuversicht behält, schildert Strukturbiologin Tea Pavkov-Keller.
In der Wissenschaft gehören Rückschläge und Absagen zum Alltag. Vorhaben gelingen nicht immer, Experimente scheitern, Förderanträge werden abgelehnt. Für mich ist es entscheidend, diese negativen Erlebnisse als integralen Bestandteil des Forschungsprozesses zu betrachten. Sie zeigen uns Grenzen auf, inspirieren zu neuen Hypothesen, fördern die Kreativität und eröffnen Chancen für Weiterentwicklung.
Zuversicht entsteht auch durch Reflexion. Ich hinterfrage: Was lag in meinen Händen? Was lässt sich von mir beeinflussen? Wo kann ich mir zusätzliche Expertise oder Feedback holen? Exzellenz bedeutet ja nicht, fehlerfrei zu arbeiten, sondern resilient mit Herausforderungen umzugehen. Das heißt, Enttäuschung und negative Gefühle zulassen und über die Emotionen sprechen. Gerade in der Forschung ist es wichtig anzuerkennen, dass Zweifel und Frustration Teil des Prozesses sind. Wer diese Erfahrungen reflektiert, kann daraus ein klareres Bild der eigenen Ziele und Möglichkeiten entwickeln. Es stärkt mich, mir den tieferen Sinn meiner Arbeit bewusst zu machen – die Freude am Entdecken, das Staunen über neue Zusammenhänge und das Gefühl, mit Forschung zu Lösungen beitragen zu können.
Wieder voranzukommen, bedeutet für mich, Struktur zu schaffen und die Perspektive zu wechseln. Ich arbeite bewusst an nächsten Meilensteinen, die erreichbar sind. Zum Beispiel probiere ich eine neue Methode aus, diskutiere mit Kolleg:innen oder ziehe ein kleineres Teilprojekt vor. Wenn man handlungsfähig bleibt, wächst parallel dazu die Zuversicht. Und wenn das alles nichts hilft: Manchmal tut eine Pause von ein paar Tagen gut, um Abstand und Klarheit zu gewinnen. Distanz trägt dazu bei, den Fokus darauf zu legen, was bereits gut läuft. Sie motiviert mich, den nächsten Schritt mit Energie und Kreativität zu gehen.
Rückhalt im Team
Unterstützend wirkt ein Arbeitsklima, das von Vertrauen, Transparenz und Teamgeist geprägt ist. Wertschätzung spielt dabei eine zentrale Rolle, ebenso wie die Akzeptanz und das Verständnis dafür, dass wir alle verschieden sind. Darüber hinaus ist die Förderung einer gesunden Selbstwahrnehmung zentral, etwa der eigene Umgang mit Perfektionismus. Außerhalb der Arbeit finde ich ebenfalls Zuversicht: etwa im Gespräch mit Freund:innen und Familie, in Bewegung oder in kreativen Tätigkeiten. Selbstfürsorge und Balance sind entscheidend, um langfristig widerstandsfähig zu bleiben.
Ich sehe es zudem als meine Aufgabe an, Zuversicht an meine Studierenden weiterzugeben. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass ich mit dieser individuellen Unterstützung manchmal an meine Grenzen stoße. Die Anforderungen meiner Rolle – mit Lehre, Forschung, wissenschaftlicher Leitung, Projektverantwortung und administrativen Tätigkeiten – lassen mir nicht immer ausreichend Zeit. Dennoch versuche ich einen Raum zu schaffen, in dem Ängste, Zweifel und Frustrationen offen thematisiert werden können, genauso wie neue Ideen. Oft reicht es schon, aktiv zuzuhören und die Bedürfnisse wahrzunehmen, bevor man vorschnell Ratschläge gibt.
Meine Studierenden lernen, Rückschläge nicht als persönliche Niederlage zu sehen. Sie sollen an diesen wachsen. Ich spreche mit ihnen auch über meine Misserfolge. Ich will damit zeigen, dass sie mit solchen Erfahrungen nicht allein sind, und betone, dass unerwartete Ergebnisse oder selbst misslungene Versuche wertvolle Erkenntnisse liefern können. Ebenso wichtig ist die Gemeinschaft. Kolleg:innen, die ihre Erfahrungen teilen, und Netzwerke, die in schwierigen Zeiten unterstützen, zeigen, dass Forschung nie ein Weg ist, den man allein gehen muss.
Sich selbst genügen
Ich möchte junge Wissenschaftler:innen ermuntern, realistische Erwartungen an sich selbst zu formulieren, die ambitioniert und zugleich „gesund“ sind. Dazu gehört, den eigenen Anspruch zu hinterfragen und sich nicht ausschließlich an äußeren Leistungsindikatoren zu messen. Sie sollen eine Haltung entwickeln, die sie langfristig stärkt – geprägt von Selbstvertrauen, Gelassenheit und der Fähigkeit, Schwierigkeiten als Möglichkeiten für Wachstum und Entwicklung zu sehen. Ich wünsche mir, dass sie als Menschen und als Forschende proaktiv und neugierig bleiben. Diese Haltung umfasst die Bereitschaft, sich Unterstützung zu holen, etwa durch universitäre Beratungsangebote, Mentoring, kollegialen Austausch oder externe Expert:innen. Denn das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck von Stärke und Verantwortungsbewusstsein gegenüber sich selbst.
protokolliert von Andreas Schweiger
Tea Pavkov-Keller ist assoziierte Professorin am ➡ Institut für Molekulare Biowissenschaften und Leiterin der Doktoratsschule Molekularbiologie und Biochemie. Sie beschäftigt sich mit den Strukturen von Proteinen und Enzymen, um deren Funktionsweisen auf molekularer Ebene zu entschlüsseln und damit die Basis für neue therapeutische Ansätze zu schaffen. Für ihr Engagement als Betreuerin von Doktorand:innen erhielt sie heuer den Seraphine-Puchleitner-Preis der Universität Graz. Zusätzlich zu Forschung und Lehre hat Pavkov-Keller bei UNI for LIFE die Master-Ausbildung zur psychosozialen Beraterin abgeschlossen und ist auch als solche tätig.
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