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Hermine Mitter

Reiz-Thema

Der Klimawandel schreitet voran. Ein Großteil der Menschen ist sich des Ernsts der Lage bewusst. Viele bemühen sich, ihren ökologischen Fußabdruck zu verringern – sei es bei der Wahl der Verkehrsmittel, in der Ernährung oder durch den Umstieg auf eine klimafreundliche Heizung. Gleichzeitig aber wächst die Zahl derer, die von all dem nichts mehr hören wollen. Was könnte sie umstimmen? Hermine Mitter untersucht, was zu klimafreundlichem Verhalten motiviert.

 Aufs Fahrrad oder in die Öffis steigen, sich pflanzenbasiert ernähren, mit der Bahn in den Urlaub fahren – jene, die das tun, fühlen sich meist gut dabei, weil sie dadurch Treibhausgasemissionen einsparen. Andere reagieren schon allein, wenn sie das lesen, gereizt. Denn klimafreundliches Handeln bedeutet auch: zumindest öfter mal das Auto stehen lassen, weniger tierische Produkte essen, den Traum von der Flugreise ad acta legen. Wenn man etwas, das Freude und Genuss bereitet, aufgeben soll, kann das ganz schön frustrierend sein. Noch dazu, wenn der Verzicht erst langfristig Wirkung zeigt. 

Diagnose Klimamüdigkeit
„Die Bereitschaft, durch das persönliche Handeln selbst zur Emissionsreduktion beizutragen, ist gesunken“, weiß Hermine Mitter, Professorin für Nachhaltigkeit, Klimawandel und menschliches Verhalten an der Universität Graz. Im Rahmen des Eurobarometers, einer alle zwei Jahre von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebenen Meinungsumfrage in den EU-Mitgliedsländern, wurde unter anderem erhoben, wem die Menschen die Verantwortung für die Umsetzung der Klimaziele zuschreiben. Das Ergebnis: Immer mehr der Befragten sehen die nationalen Regierungen, die EU, die Industrie in der Pflicht und immer weniger die Bürger:innen. „2021 gab in Österreich etwa die Hälfte der Umfrage-Teilnehmer:innen an, die Verantwortung liege bei jedem und jeder Einzelnen. 2025 waren nur mehr knapp 40 Prozent dieser Meinung. Dieselbe Tendenz zeigte sich auf europäischer Ebene“, berichtet die Forscherin. 
Auch bei der Frage, ob in den letzten sechs Monaten klimafreundliche Aktivitäten gesetzt wurden – von Mülltrennung bis hin zur Anschaffung energieeffizienter Haushaltsgeräte – sanken die Zustimmungswerte. Haben die Leute die Nase voll von Klimaschutz? Und wenn ja, warum?
Ein Grund könnte sein, dass andere aktuelle Bedrohungen und Krisen – vom Krieg in der Ukraine bis zur Teuerung – den Klimawandel in den Hintergrund drängen. „Es gibt die Hypothese des ‚Finite Pool of Worry‘, wonach Menschen nur begrenzte emotionale Ressourcen für Sorgen haben“, erklärt Mitter. „Möglich wäre auch, dass viele nicht mehr daran glauben, mit ihrem Verhalten etwas bewirken zu können, weil sich nichts zu verbessern scheint, obwohl das nicht ganz stimmt“, sagt die Wissenschaftlerin und nennt ermutigende Zahlen: „In den letzten Jahren beobachten wir in Österreich einen stetigen Rückgang bei den Treibhausgasemissionen. Von 2022 auf 2023 sanken sie um mehr als sechs Prozent, von 2023 auf 2024 um 2,6 Prozent.“ Damit sich diese positive Entwicklung fortsetzt, braucht es aber das Engagement von uns allen. Wie also lassen sich wieder mehr Menschen zu klimafreundlichem Handeln motivieren, damit die notwendige nachhaltige Transformation der Gesellschaft weiter Fahrt aufnimmt?

Akzeptanz statt Angst
„Am Beginn steht die Einsicht, dass sich etwas ändern muss. Und die ist in weiten Teilen der Bevölkerung vorhanden“, meint Mitter. Mit den Klimaneutralitätszielen der EU und Österreichs gebe es auch klare Vorgaben. Was fehle, sei ein Konsens über die Umsetzung effektiver Maßnahmen, um diese zu erreichen. „Es zählt zu den Aufgaben der Politik, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es für uns alle einfach und attraktiv machen, umweltfreundlich zu handeln“, betont die Forscherin. Das reiche von finanziellen Anreizen wie etwa Förderungen für den Umstieg auf nachhaltige Heiz- und Energiesysteme und gleichzeitig die CO2-Besteuerung bis hin zu sicheren Radwegen. 
Auch Emotionen beeinflussen das individuelle Verhalten. „Studien zeigen zum Beispiel, dass Mitgefühl für die Opfer des Klimawandels die Bereitschaft erhöht, Klimaschutz-Politik zu unterstützen“, so Mitter. Angst scheint allerdings keine gute Ratgeberin zu sein. Die Wissenschaftlerin hat untersucht, was Landwirt:innen in Österreich dazu bewegt, sich angesichts zunehmender Trockenheit an den Klimawandel anzupassen oder auch nicht. „Dabei zeigte sich unter anderem, dass jene Befragten, die bereits in der Vergangenheit von Dürre betroffen waren und das emotional als sehr negativ empfanden, eher resignierten als Gegenmaßnahmen zu ergreifen“, berichtet sie. 
Wenn die Menschen das Gefühl haben, Klimaschutz mitgestalten und mit ihrem Beitrag etwas bewirken zu können, fördert das die Akzeptanz. So bekamen zum Beispiel in Wien Bürger:innen die Möglichkeit, Maßnahmen für ihr Grätzel einzubringen. Einige ausgewählte Vorschläge werden bereits umgesetzt. „Dort, wo ich gewohnt habe, werden jetzt zusätzliche Bäume gepflanzt, eine Wohnstraße teilweise entsiegelt und das Radwegenetz verbessert“, erzählt Mitter.
Ganz wichtig sei auch, dass die Maßnahmen sozial gerecht sind. Klimapolitik dürfe niemandes Existenz gefährden, sondern müsse allen Menschen eine angemessene Zukunftsperspektive bieten. „Das Kosten-Nutzen-Verhältnis soll ausgewogen sein, im Sinne der Frage: Wer bezahlt wie viel und wer profitiert in welchem Maße davon?“, führt die Forscherin aus.

Persönlich betrachtet
Hermine Mitter achtet selbst im Alltag darauf, einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen. Fällt ihr das immer leicht? „Vieles ist für mich einfach zur Gewohnheit geworden, wie etwa, dass ich mit dem Rad zur Arbeit fahre. Darüber mache ich mir keine Gedanken mehr“, sagt sie. Und dann gebe es Situationen, in denen Klimaschutz für sie ein klares Entscheidungskriterium ist: „Wenn ich zum Beispiel ein Gerät für den Haushalt kaufe, steht bei mir Energieeffizienz ganz oben in der Prioritätenliste. Das Thema Umwelt war für mich von klein auf wichtig und hat mich immer begleitet.“ 
Und was rät die Forscherin jemandem, der oder die noch einen Motivationsschub brauchen könnte? „Schreiben Sie einem Ihnen nahestehenden Kind einen Brief, den es als Erwachsene:r lesen soll. Erzählen sie ihm darin, was Sie jetzt tun, damit dieses Kind, wenn es einmal groß ist, eine lebenswerte Umwelt vorfindet.“ Studien haben gezeigt, dass diese Art von Zukunftsdenken, verbunden mit positiven Emotionen, ein besonders starker Antreiber ist, um klimaschädliche Verhaltensmuster zu verändern.

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