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Zu Ende gedacht
Was benötigen Menschen am Lebensende? Welche Bedürfnisse haben Schwerkranke neben der medizinisch-pflegerischen Versorgung? Philosoph Patrick Schuchter hat mit seinem Forschungsteam überraschende Erkenntnisse gewonnen.
Die Schmerzen sind gelindert, die Familie zur Seite. Ärzt:innen, Pflegekräfte, Therapeut:innen und bei Bedarf Seelsorger:innen sind bemüht, schwer kranken und sterbenden Menschen sowie ihren Angehörigen zu helfen. „Und trotzdem fehlt da etwas“, hat Patrick Schuchter in seinem Arbeitsalltag beobachtet. Als diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger hat der promovierte Philosoph auch Palliativpatient:innen begleitet. „Man erlebt so viele intensive, existenzielle Situationen. Und dann stehen Fragen im Raum – sowohl für die Betroffenen als auch die Betreuenden: Habe ich (bisher) gut gelebt? Worauf kommt es letztendlich an? Was kommt nach dem Tod?“ Die lange Tradition der Philosophie sei eine riesige Schatzkiste im Umgang mit diesen Themen, in der Praxis sei diese allerdings weitgehend unbekannt. Daraus ist die Idee zu einem Forschungsprojekt entstanden.
Schuchter und sein Team untersuchten die Wirkung von Philosophischer Praxis im Betreuungsalltag. „Die Gäste der Einzel- und Gruppengespräche – Betroffene, Angehörige, Trauernde und Helfende – erwarteten sich keine Therapie, keine Lösung von Problemen, sondern ein freies Erkunden der grundlegenden Lebensfragen“, erzählt der Projektleiter. „Sie erlebten Tiefe, Inspiration und Horizonterweiterung. Begriffe und Annahmen kritisch zu hinterfragen, irritiert zu werden und neugierig sein zu dürfen, empfanden sie als unterstützend und anregend.“ Ein Krebspatient beispielsweise zeigte sich dankbar für die „Auszeit von der Betroffenheitsnummer“. „Vieles ist in dieser Situation ja unausweichlich. Sich dann geistig zu vertiefen im Dialog mit einem inspirierenden Gegenüber, ist offenbar ein menschliches Grundbedürfnis“, fasst der Forscher zusammen.
Geistige Stärkung
Die Philosophische Praxis – gemeint sind damit Gesprächsformate, die Reflexion über grundlegende Lebensfragen abseits therapeutischer, religiöser oder ideologischer Vorgaben ermöglichen – bringt nicht nur Sterbenden eine Erleichterung. „Die Pensionierung zum Beispiel ist für viele ein Einschnitt, der sie drastisch mit ihrer Endlichkeit konfrontiert. Vor allem, wenn zusätzlich eine Krankheit auftritt oder die Eltern zu pflegen sind“, berichtet Schuchter. Zu spüren, dass sie nicht alleine sind, sondern sie genuin menschliche Themen beschäftigen, gebe den Betroffenen Rückhalt und erzeuge eine tiefe Verbundenheit, die trägt und Trost bringt. Es gehe um den Sinn des eigenen Lebens, einen Rück- und Vorausblick, die Weitergabe an nächste Generationen. „Auffällig war, dass im Rahmen unserer Forschung die Teilnehmer:innen an der Philosophischen Praxis ihre persönlichen Anliegen mit allgemeinen politischen Fragen verbunden haben.“ Dieser empfundene Mehrwert überraschte den Forscher. „Die angeleiteten Gespräche wurden deutlich anders wahrgenommen als Supervision, Seelsorge oder Therapie. Ich hätte mir da mehr Grauzonen erwartet.“ Frei denken zu können, neue Perspektiven zu erhalten und keine eindeutigen Antworten zu suchen, wurde als wertvoll erlebt. „Ganz offensichtlich gehört nicht nur der Körper versorgt, sondern auch das geistige Wesen kultiviert.“
Praktische Umsetzung
Nun arbeitet das Projektteam an Vorschlägen, wie Philosophische Praxis in das Gesundheits- und Sozialsystem integriert werden kann, und formuliert Qualitätskriterien, die für diesen sensiblen Bereich zu berücksichtigen sind. Die Professionist:innen sollten beispielsweise mögliche psychische Erkrankungen ein Stück weit erkennen können. Sie müssten auch eigene Verlusterfahrungen philosophisch reflektiert haben, denn der wichtigste Faktor für die Gesprächsführung sei eine an tiefen Lebenserfahrungen gereifte Persönlichkeit. Weiters empfiehlt Schuchter, eher mit externen Praktiker:innen zu kooperieren, anstatt sie unmittelbar in ein Palliativteam zu integrieren. „Dort sind lauter helfende Hände. Der kritische, distanzierte Blick von außen sollte gewährleistet bleiben.“
Außerdem fordert der Wissenschaftler ernsthafte Überlegungen ein, wie ein solches Angebot über Sozialversicherungen oder die reguläre Finanzierung von Hospiz- und Palliativbetreuung abgerechnet werden kann. Auch bräuchte es eine Verankerung in den Qualitätskriterien der Betreuungseinrichtungen – analog zu Seelsorge oder Psychotherapie. „Denn Philosophische Praxis eröffnet Raum für undogmatisch offenes Fragen und verbindet existenziell-persönliche mit allgemein menschlichen, auch politischen Themen. Die Welt von morgen wird das brauchen“, meint Schuchter.
Das Forschungsprojekt ➡ „Philosophische Praxis in Palliative Care und Hospizarbeit“, an dem Stefanie V. Rieger, Sandra Radinger und Klaus Wegleitner mitarbeiten, läuft noch bis Herbst 2026 und wird vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF finanziert. Kooperationspartner:innen sind die deutsche Gemeinde Eningen unter Achalm und das dortige Veronika-Hospiz sowie das mobile Palliativteam Graz. Von 10. bis 12. Oktober 2025 findet an der Universität Graz auch eine ➡ Tagung zum Thema statt, die sich speziell an Menschen aus Pflege, Medizin, sozialer Arbeit sowie an Ehrenamtliche aus der Demenz-, Sterbe- und Trauerbegleitung wendet.
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