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Mueller

Wachsende Zuversicht

Gäbe es eine Weltrangliste für Ausdauer, dann wären Pflanzen wohl ganz weit vorne. Sie nehmen es mit den widrigsten Bedingungen auf und passen sich besser als alle anderen Lebewesen an Veränderungen ihrer Umwelt an. Doch der Klimawandel könnte diese außergewöhnlichen Fähigkeiten überstrapazieren, meinen Maria Müller und Ulrike Grube

Zu viel Kälte? Wir ziehen uns wärmer an. Zu viel Hitze? Tiere entkommen in kühlere Regionen. „Pflanzen hingegen können nicht ausweichen oder Schutz suchen“, bringt es Maria Müller auf den Punkt. Also brauchen sie andere Strategien. „Sie sind faszinierende Organismen, die sich in einem kontinuierlichen Evolutionsprozess befinden“, schildert die Pflanzenphysiologin. Nur: Wirken zu viele Stressfaktoren gleichzeitig und zu schnell auf die Gewächse ein, kann das selbst die anpassungsfähigsten in die Knie zwingen, warnt die Wissenschaftlerin. Insbesondere die Versalzung der Böden, ausgelöst durch klimatische Veränderungen, macht ihnen vermehrt zu schaffen. Wird das Natriumchlorid nicht mehr ausreichend ausgewaschen, hemmt seine hohe Konzentration im Boden das Wachstum. 

Förderlich, ja lebensnotwendig, ist hingegen die Sonne. Doch zu viel davon tut gar nicht gut. Daher haben einige Pflanzen Strategien entwickelt, um sich gegen zu intensives Licht zu wappnen. Ulrike Grube vom Botanischen Garten der Uni Graz nennt ein paar Beispiele: „Die Silberlinde kehrt die silbrig behaarte Unterseite ihrer Blätter ein Stück weit nach oben, sobald dem Baum die Sonneneinstrahlung zu stark wird.“ Eine pelzige Schicht reflektiert Licht und schützt so die empfindlichen Zellen. „Das sieht man beispielsweise auch bei der Königskerze, die als typische Sonnenpflanze gilt“, berichtet Grube.

Härchen können zudem helfen, die Verdunstung und folglich den Flüssigkeitsverlust zu verringern, wie zahlreiche alpine Gewächse beweisen. Eines davon ist die Silberwurz, die zudem bei Trockenheit, Hitze oder Frost ihre Blätter vorsorglich einrollt. Sukkulenten haben durch ihr Wasserspeichergewebe eine eigene Technik zur Anpassung an niederschlagsarme Perioden meisterhaft ausgeprägt.

Selbstverteidigung und Abwehrkraft

Pflanzen können sich sogar gut gegen Krankheitserreger und tierische Feinde behaupten. „Nicht nur Bäume, sondern auch Gräser lagern in ihren Zellwänden den Stoff Lignin ein, der ihnen eine höhere Stabilität verleiht“, erklärt Maria Müller. 

Bei Stress produziert so manches Gemüse verstärkt Antioxidantien wie Glutathion und Ascorbinsäure, also Vitamin C. Damit wehrt es sich gegen Eindringlinge oder Viren. „Es gibt Hinweise“, bestätigt die Pflanzenphysiologin, „dass bei Kürbissen eine erhöhte Dosis einer Vorstufe von Glutathion zu weniger Krankheiten führt.“ 

Sogar gegen zudringliche Nachbarschaft können sich viele Gewächse wehren. Der bei uns invasive Japanische Staudenknöterich nutzt Substanzen, um die Konkurrenz am Wachstum zu hindern. Derartige biochemische Waffen setzen auch andere ein, um sich ihren Platz zu erkämpfen. Das Koffein der Kaffeesträucher hindert ebenso wie das Cineol des Eukalyptus andere am Keimen. Maria Müller: „Walnussbäume tun dies ebenfalls, indem sie Juglon in den Boden abgeben.“ 

Diese speziellen Abwehrsubstanzen, klärt die Forscherin auf, entstehen im Sekundärstoffwechsel der Pflanze, also jenem, der nicht unmittelbar für das blanke Überleben zuständig ist. Sind die Gewächse durch die Photosynthese mit allen grundlegenden Nährstoffen versorgt, bilden sie die Substanzen, die Bestäuber anlocken oder Feinde abwehren.

Vererbte Fähigkeiten
„Die Strategien zur Anpassung an Umwelteinflüsse und die Informationen zur Regeneration werden im genetischen Material gespeichert und an die nächste Generation weitergegeben“, beschreibt Müller. Damit können unzählige Gewächse alles Laub fallen lassen und mit extrem viel „Aufbruchsstimmung“ dem Winter trotzen. Die scheinbar toten Äste wissen, wie sie nach dem Frost wieder grünen und blühen. Genauso dürfen wir Menschen in der trostlosen Zeit zuversichtlich auf den nächsten Frühling warten. 

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