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Sprung und Wegleitner im Portrait

Zusammenrücken

Sitzgelegenheiten schaffen, ein paar Hochbeete anlegen und einen Sozialraum einrichten: Es braucht oft wenige Impulse, und schon kommen gerade noch anonyme Nachbar:innen miteinander ins Gespräch. Und die Menschen achten dadurch auch mehr aufeinander – sie entwickeln sich zu „Caring Communitys“. Solche in Graz entstandenen Gemeinschaften haben Bildungswissenschaftlerin Annette Sprung und Care-Forscher Klaus Wegleitner begleitet. Die beiden entwerfen Szenarien, wie das Für-einander-Sorge-Tragen gelingen kann, insbesondere im Alter. 

Annette Sprung: Unser Ansatz ist es, Menschen mit ihren Herausforderungen wahrzunehmen, aber vor allem ihre Möglichkeiten zu sehen. Wir setzen gewissermaßen eine „Potenzialbrille“ auf, insbesondere bei älteren Personen, die oft mit Bildern von Verfall und Defizit beschrieben werden. Wir fragen nach ihren Wünschen und Ressourcen und untersuchen, wie sie zum Beispiel in ihrer Wohnsiedlung eine sorgende Gemeinschaft mitentwickeln können. Das schafft positive Perspektiven, da man sich selbst als aktiven Teil der Gesellschaft erleben kann.

Diejenigen, die selten oder nie zuvor die Gelegenheit oder die Erfahrung hatten, sich zu beteiligen, brauchen dafür vielleicht mehr Unterstützung. Bürger:innen-Engagement allein reicht aber nicht aus. Es bleibt Aufgabe eines Sozialstaates, sich dort einzuschalten, wo Menschen aufgrund akuter Belastungen, finanzieller Nöte oder ihrer Biografie nicht ausreichend Kraft und Möglichkeiten haben, selbst aktiv zu werden. Wichtig wäre es, kluge Systeme zu bauen, in denen die individuellen Care-Potenziale und Ressourcen mit staatlichen Angeboten gut zusammenwirken.

Klaus Wegleitner: Die übergeordnete Frage lautet dabei immer: Wie wollen wir in einer sich verändernden Gesellschaft gut zusammenleben, in allen Lebensphasen und trotz unserer Unterschiedlichkeit? Als Bildungs- und Care-Forschende analysieren wir die Problemlagen, um sie besser zu verstehen. Aber wir bleiben nicht bei der Beschreibung alleine. Es geht uns immer auch darum, bestehende gesellschaftliche Verhältnisse ein Stück weit zu verändern. Die Beteiligung jener, die es betrifft, also der Bürger:innen in ihrer Vielfalt, ist dafür Voraussetzung. Es gibt oftmals zu wenige Gelegenheiten und Räume, wo sich Menschen mit ihren Lebens- und Sorgeerfahrungen einbringen können. Einen boten wir im Projekt „Caring Living Labs Graz: Gut Leben im Alter“. Dabei hatten wir vor allem auch Grazer:innen aus nicht so privilegierten Verhältnissen und mit Migrationsbiografien im Blick.

Die Forscher:innen sehen ihre Projekte als Experimentierfelder für Inseln der Zuversicht, die zeigen, wie es auch anders gehen könnte. Zum Teil führten die Bewohner:innen der neu geschaffenen Communitys die Konzepte selbstständig weiter. Die Mithilfe von NGOs sowie staatliche Unterstützung sind für den Erfolg allerdings notwendig. 

Sprung: Im Fall einer Grazer Gemeindebausiedlung lief das sehr gut, da es bereits Vorläuferstrukturen und Betreuung durch das Friedensbüro gab. Dort hat sich eine Kerngruppe von Bewohner:innen gebildet, die nach Projektende aktiv geblieben ist. Die Arbeit mit migrantischen Gemeinschaften, die wir kooperativ mit NGOs durchführten, haben wir als sehr inspirierend erlebt. Aber es wäre mehr Zeit notwendig gewesen, um nachhaltige Strukturen zu etablieren. Erschwerend kommt hinzu, dass in der Steiermark zurzeit viele Vereine und Organisationen, die Großartiges leisten – unter anderem im Bereich Migration –, von zum Teil massiven finanziellen Kürzungen betroffen sind.

Trotz dieser Einschränkungen konnten wir abseits der lebensweltbezogenen Ebene etwas bewegen, indem wir in Zukunftsforen gemeinsam mit Institutionen und Vertreter:innen aus Stadtpolitik und -verwaltung an der strukturellen Dimension arbeiteten. Denn wir wollen die Thematik weder individualisieren noch privatisieren. Im Bewusstsein der Beteiligten hat sich unserer Beobachtung zufolge einiges getan, was hoffentlich im Sinne einer „lernenden Organisation“ eine nachhaltige Entwicklung angestoßen hat.

Caring Communitys bewegen sich in einem gesellschaftspolitischen Spannungsfeld. Daher versuchen die Wissenschaftler:innen auszuloten, wo die staatliche Verpflichtung beginnt und wo die Verantwortung der einzelnen aufhört. 

Wegleitner: Wir stellen fest, dass die Aufmerksamkeit für die Stärkung sozialer Beziehungen in einer Welt gefühlter kollektiver Unsicherheit gestiegen ist. Es gibt ein erhöhtes Interesse dafür, mit Hilfe von Wissenschaft bestehende Lebensbedingungen und Ungerechtigkeitsmuster zu verändern. Nicht nur mittels Publikationen, sondern im Dialog mit Bürger:innen. Das transformiert zudem die Rolle der Universität und erhöht ihre Wirksamkeit in der Gesellschaft. Für uns war es daher wichtig, sowohl ganz konkret vor Ort zur Sorgekultur beizutragen als auch deutlich zu machen, dass es hier politisch strukturelle Veränderungen braucht. So müsste es etwa die Aufgabe eines „Caring-Staates“ sein, sicherzustellen, dass jeder Mensch – unabhängig von Wohnort, sozioökonomischen Bedingungen und Herkunft – Unterstützung erfahren kann, aber auch die Chance hat, sich sorgend einzubringen. Die gute Nachbarschaft allein kann das nicht ermöglichen. Das führt zur Delegation der Verantwortung ins Private. Vielmehr müssen die Solidaritätsbedingungen rechtlich gestärkt und gerechter gestaltet werden.

Das Projekt „Caring-Living-Labs Graz: Gut leben im Alter“ steht als gutes Beispiel für gesellschaftliche Relevanz von Wissenschaft. Es bewirkt bei den Forscher:innen selbst etwas. 

Wegleitner: Es stiftet für mich als Wissenschaftler absolut Sinn und Zuversicht, dass unsere Forschung nicht nur in einen Bericht mündet, sondern dazu beiträgt, dass sich Menschen in die Veränderung von Gesellschaft – zumindest im Kleinen – einbringen können und sich etwas bewegt.

Sprung: Es ist uns gelungen, Vertrauen zu bilden. Vor allem dann, wenn man mit Menschen arbeitet, die noch keine Berührungspunkte mit der Universität hatten. Partizipative Forschung bedeutet, die Bedürfnisse und das Wissen der Partner:innen ernst zu nehmen und gemeinsam etwas zu entwickeln – also nicht nur ein paar Interviews zu führen und ein Konzept zu erstellen.

 

Das Projekt ➡ Caring-Living-Labs Graz haben Annette Sprung und Klaus Wegleitner gemeinsam mit Anna Kainradl, Ulla Kriebernegg, Brigitte Kukovetz und Dženana Pupić durchgeführt. Die Forscher:innen sind am ➡ Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft sowie am ➡ Zentrum für Interdisziplinäre Alterns- und Care-Forschung und dem ➡ Institut für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie tätig. Eingebunden waren lokale Kooperationspartner:innen, darunter das ➡ Friedensbüro Graz, der ➡ Migrant:innenbeirat der Stadt Graz und ➡ OMEGA, das Transkulturelle Zentrum für psychische und physische Gesundheit und Integration in Graz.

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